Teil 3
Ist Wiedergeburt / Fortexistenz des Bewusstseins ein naturalistisch erklärbares Phänomen?

Bislang gibt es keine bekannten Publikationen von naturalistisch orientierten Geist-Philosophen oder Neurobiologen, die aufgrund einer rein materialistischen Anschauung (d.h. ohne ein dualistisches Leib-Seele-Prinzip) ein Konzept für ein Leben mit Bewusstsein nach dem Individualtod in Form von Wiedergeburt postulieren.
Da es nach naturalistischer Auffassung kein von den physiologischen Vorgängen abgelöstes Selbst im Gehirn gibt, geschweige denn eine übernatürliche Seele, müsste ein solches Konzept „Wiedergeburt ohne Seelenwanderung“ oder „Wiedergeburt ohne Seelenglauben“ heißen.
Hierzu ist anzumerken, dass der Begriff „Wiedergeburt“ eigentlich nicht ganz korrekt ist, denn nach dessen Bedeutung würde ja ein vergangenes, individuelles Selbst wiedergeboren. Dann wären wir aber wieder beim Seelenwanderungsglauben. Daher sollte man vielleicht eher von Fortexistenz oder Neuexistenz des Bewusstseins sprechen.
Die Nichterlebbarkeit des toten Zustandes:
Was glaubt der naturalistisch eingestellte Hirnbiologe? Was passiert mit dem „Ego-Tunnel“ (Metzinger), dem subjektiven Bewusstsein, der sog. 1.-Person-Wahrnehmung, wenn das Gehirn abstirbt? Die Antwort ist klar und nachvollziehbar: Dieses tote Gehirn ist nicht mehr in der Lage, Selbst- und Umweltrepräsentationen zu erzeugen. Die hochkomplexe neurale Struktur mit deren integrierten Informationsprozessen (Tononi) funktioniert nicht mehr, es ist vorbei mit hochdifferenzierter und integrierter Informationsverarbeitung. Aus dieser Ansammlung von nun nicht mehr in diesem Sinne hochstrukturierter und informationsverarbeitender Materie geht kein subjektives Bewusstsein mehr hervor.
Bedeutet das, dass man selbst dann im „Nichts“ ist? Wie Metzinger dargelegt hat, gibt es ja ein „Selbst“ nur solange, wie ein dazu fähiges Gehirn die dazu erforderlichen Repräsentationen erzeugt. Also kann „man selbst“ gar nicht den „toten Zustand“ wahrnehmen, weil das „Selbst“ an dieser Stelle des vorher intakten Systems dann nicht mehr neurophysiologisch erzeugt wird.
Eigentlich kann man – philosophisch gesprochen – selbst gar nicht tot sein, weil es dieses Selbst dann ja gar nicht mehr gibt. Und eigentlich ist das Selbst ja auch beim lebenden Organismus lediglich eine subjektive Wahrnehmung, die vom Gehirn erzeugt wird.
Und weil „man“ ja auch nicht mehr (eigenständig) existiert, kann auch nicht etwas für „einen“ existieren oder sein. Das bedeutet, man kann einen „Nichts-Zustand“ gar nicht erfahren.
Im Vergleich dazu erleben wir ja den Tiefschlaf (dessen zerebraler Zustand entspricht vom Ausmaß der integrierten Information her betrachtet, also von der Höhe des Wertes Φ (Tononi), eher einem toten Gehirn als einem Gehirn im wachen Zustand oder Traumzustand) auch nicht, sondern nur die Zustände davor und danach. Wir merken lediglich beim Aufwachen, dass eine Zeit vergangen ist.
Damit will ich aussagen, dass man nicht in einen anästhetischen Zustand oder in einen erlebbaren Nichts-Zustand „hineinsterben“ kann. Das „Nichts“ bzw. der desintegrierte Zustand eines abgestorbenen Gehirns ist also nicht erlebbar.
Kann es dennoch, oder müsste es demnach sogar eine Fortexistenz des Bewusstseins/ des Erlebens geben?
Bewusstsein und Erlebnisfähigkeit manifestieren sich bei entsprechender Komplexität der Materie:
G. Tononi führt den Vergleich eines Menschen, der die Hell- und Dunkel- Unterscheidung bewusst erlebt, mit einer Photodiode an: Die Photodiode steht bei diesem Vergleich für einen einfachen Diskrimationsmechanismus, eine Vorrichtung, die nur zwischen zwei Alternativen (1 Bit an Information) unterscheiden kann.
Auf neuronaler Ebene könnte man hierzu analog den Photorezeptormechanismus eines Stäbchens der Netzhaut anführen: Die Photodiode und der retinale Photorezeptor stehen für einfache Reiz-Reaktions-Verschaltungsmechanismen, die im Fall von Tononis Bildschirmexperiment eben nur ‚hell’ und ‚dunkel’ unterscheiden können und dabei kein solch bewusstes Empfinden haben wie ein Mensch.
Nun ist aber das bewusstseinsfähige Großhirn des Menschen (und anderer Spezies) auch „nur“ aus solchen „einfachen“ Elementen zusammengesetzt, die für sich einzeln betrachtet kein solches Erleben haben wie das eines Menschen, aber in ihrer Gesamtheit durch ein hohes Maß an integrierter, komplexer Information dann Bewusstsein erzeugen. Dies bedeutet dann aber auch, dass diese einfachen Mechanismen, die einfachste Diskriminationen vollbringen (einzelne Neurone, Ionenkanäle, Transportproteine, Moleküle, Atome, Elementarteilchen), die Grundelemente des Erlebens darstellen. Bewusstsein wird ja nicht wie ein Seelenhauch in die Materie ab einem gewissen Grad von „außen“ in übernatürlicher Weise eingefügt, sondern setzt sich im Sinne integrierter Informationsverarbeitung auf physikalischen Prozessen beruhend zusammen.
Somit sind die Bedingungen für Bewusstsein in der Materie selbst erhalten, man könnte also im Sinne eines wissenschaftlichen Panpsychismus (C. Koch) Bewusstsein als eine Eigenschaft von Materie definieren.
Man kann daher annehmen, dass die Voraussetzungen für eigenbewusstes Erleben (und dessen Vorformen) schon in der unstrukturierten bzw. in der weniger komplex konfigurierten Materie, d.h. in materiellen Strukturen und Prozessen mit einem niedrigen Maß an Informationsverarbeitung, vorhanden sind („Protobewusstsein“).
Aber erst wenn diese materiellen Elemente so konfiguriert werden, dass ein hochkomplexer, elektrochemischer Informationsfluss mit reentranten Verschaltungen (innerhalb eines neuralen dynamischen Kerngefüges) entsteht, der differenzierende Repräsentationen ermöglicht, geht daraus Selbstempfindung bzw. Eigenbewusstsein hervor.
Das würde bedeuten, dass diese Qualität des phänomenalen Bewusstseins, eben das „Gefühl, wie es ist“, schon in der Materie (insbesondere in den Ladungsträgern, also in der Elektrizität?) als Eigenschaft vorhanden ist. Um Erleben entstehen zu lassen, muss Materie in Hinblick auf ihre elektromagnetischen Eigenschaften „nur“ komplex genug konfiguriert werden.
Beim Betrachten der Funktionsweise von Nervenzellen (wie auch anderen Zellen) fällt auf, dass diese elektrostatisch und elektrodynamisch funktionieren. Generatorpotentiale, Ruhepotentiale und Aktionspotentiale entstehen durch differenzierend wirkende Ladungsverschiebungen. Je komplexer ein neurales Netz aufgebaut ist, desto komplexer und differenzierter bewegen sich dort die Ladungsträger (Ionen).
Im Gegensatz dazu bewegen sich z.B. in einer Plasma-Gaswolke oder in einer Salzlösung Ladungsträger (Ionen) durch thermische Energie ungerichtet – eben diffus. Oder sie bewegen sich in einem stromdurchflossenen Metallstück als freie Elektronen homogen. Alle diese Beispiele besitzen die Gemeinsamkeit, dass dort ein Mangel an Komplexität, d.h. ein Mangel an integrierter Information vorliegt.
Potentiell wären – nach dem wissenschaftlich-panpsychistischen Konzept (Koch) – aber auch dort (in der Eletrolytlösung, im Plasma) alle Erlebnisqualitäten enthalten, sie müssten „nur“ noch so komplex differenziert und integriert (wie in einem Gehirn) „geleitet“ werden, dass sie als differenzierte Erlebnisqualitäten in Erscheinung treten, d.h. Erleben sich manifestiert.
Man könnte also sagen, dass ein aus dem menschlichen Großhirn gewonnenes frisches „Smoothie“ alle Zutaten beinhaltet, die zu einem bewussten Erleben benötigt werden. Der Unterschied zu einem intakten Gehirn besteht darin, dass dort die vorhandenen Erlebnisqualitäten nicht in ihrer benötigten Komplexität vorliegen, d.h. das Qualia-Spektrum nicht differenziert „aufgefächert“ ist.
Man könnte vielleicht ein solches Qualia-Spektrum mit dem Lichtspektrum vergleichen. Wenn Lichtwellen diffus gestreut sind, werden sie als weißes Licht wahrgenommen. Wenn sie durch ein Prisma fallen, werden sie differenziert „geleitet“, und es gehen daraus verschiedene Farbqualitäten hervor.
Somit wäre das subjektive Erleben (und dessen Vorformen) in jeglicher Materie aufgrund ihrer darin vorkommenden potentiellen Kontrastierbarkeit elementar vorhanden, die Wahrnehmung als Person (Ich) bzw. Erleben beruht lediglich darauf, dass die zugrundeliegenden materiellen Bestandteile (Ladungsträger) hochkomplex und integriert konfiguriert werden.
Erlebnisfähigkeit manifestiert sich also überall dort, wo Materie (i.e.S. die Ladungsträger) entsprechend komplex genug konfiguriert ist.
Bewusstsein ist ein universales Phänomen der Materie (genauer: der elektromagnetischen Eigenschaften der Materie), tritt jedoch „insular“ auf:
Diese Komplexierung bringt aber naturgemäß mit sich, dass diese sich (in Gehirnen) „insular“ vollzieht, sich sozusagen sektorisiert, d.h. es gibt im Dasein aufgrund der evolutionsbiologischen Entwicklung unzählige „Felder“ von integriert-differenzierter und exkludierender dynamischer Materiekonfigurationen, innerhalb derer Subjektiverleben erzeugt wird, und diese „Felder“ nehmen sich von der übrigen Welt und den anderen komplexierten Bewusstseinsfeldern abgegrenzt wahr: Ich erlebe, wie es ist, Ich zu sein-und nicht wie es ist, Du zu sein und auch nicht, wie es ist, z.B. eine Fledermaus zu sein. Dennoch ist man nicht für sich als eine eigenständige Entität davon abgelöst, sondern innerhalb dieser Materiematrix erlebt sich ein solcher Komplex lediglich abgegrenzt von der Außenwelt.
Man selbst, bzw. das Erleben von einem selbst, ist somit keine eigenständige Entität innerhalb des Daseins, sondern vom Existenziellen her gesehen ist es die Gesamtmateriematrix! Als eigenständig empfindet man sich dadurch, dass infolge der Komplexbildung innerhalb der Gesamtmateriematrix, die sich durch Integration von Informationen und auch Exklusion vollzieht, Subjektiverleben in einem abgegrenzten Bereich innerhalb der Materiematrix erzeugt wird. Es entsteht lediglich ein insularer Komplex, dessen materielle Bestandteile sogar ständig ausgetauscht werden. Beispielsweise werden große Teile der Elektrolyte, die für die Erzeugung der Ruhe- und Aktionspotentiale verantwortlich sind, in bestimmten Zeitabständen ausgetauscht. Man kann sich also noch nicht einmal als ein eigenständiger Teil der Gesamtmaterie ansehen, da keiner von uns wirklich eigene Atome auf Lebenszeit besitzt (mit Ausnahme von Zahnschmelz, Kollagenfasern).
In dieser Materie-Gesamtmatrix manifestiert sich Subjektiverleben innerhalb der höher-komplexen Konfigurationen. Man ist sozusagen immer dabei, solange es im Weltendasein mindestens einen solchen Materiekomplex gibt, der Erleben erzeugt. Wenn es mehrere solche Komplexe gibt, dann liegt das Subjektiverleben der Materiematrix auf mehreren Komplexinseln vor.
Die neurale Aktivität im Thalamokortikalen System (dynamic core) könnte man sich auch als ein integriertes, aber in sich hochkomplex differenziertes elektrisches Feld vorstellen. Denn die Ladungsträger wirken ja nicht nur auf sich beschränkt im Sinne von vielen einzelnen 1-Bit-Mechanismen, sondern durch ihre elektromagnetischen Eigenschaften und der speziellen neuralen Verschaltung entsteht quasi ein integriertes elektrisches Bewusstseinsfeld19. Gerade die Ladungseigenschaften der Atome scheinen in Hinblick auf ihre Integrationsfähigkeit von Information besonders geeignet zu sein: Die negative Ladung (Elektron, Anion) kann von der positiven Ladung (Proton, Kation) differenziert werden, beide sind aber weiterhin integriert: Denn nur im Kontrast zu einer positiven Ladung kann eine Ladung negativ sein und umgekehrt. Somit könnte man die elektrische Potentialdifferenz der Materie als das Grundelement integrierter Informationsverabeitung annehmen – und die elektromagnetische Kraft als Grundeigenschaft des Bewusstseins.
Somit lässt sich sagen: Die Qualia-Felder sind hochkomplex-integrierte elektrische Felder!
Insofern kann man bei seiner eigenen Desintegration (Absterben des Gehirns) eigentlich gar nicht vernichtet werden: Zwar geht an dieser Stelle die Materie, die ehemals den Bewusstseinskomplex konfiguriert hat, in den unstrukturierten, sich-nicht-erlebbaren Zustand (Abnahme von differenzierter Information, Abnahme von Integration) über, bei welchem das biografische Eigenbewusstsein einer Person X, die gestorben ist, damit nicht mehr vorhanden ist.
An dieser Stelle muss man sich aber konsequent vor Augen halten, dass Bewusstsein im Sinne von Erleben immer ein orchestriertes Zusammenwirken materieller Grundelemente ist – und nicht etwas In-Sich-Persönliches im Sinne einer eigenständigen Entität.
Da es kein eigenständiges Selbst (unabhängig von der Materie) gibt, kann also auch keines wirklich im Sinne von Vernichtung (Nihilierung) verloren gehen!
Man darf daher nicht fragen: Wohin ist mein Bewusstsein nach meinem Tod hingelangt, bzw. wo existiere ich dann nach dem Tod?
Sondern:
An welchen Stellen im Dasein gibt es bereits – und wo entstehen neue, bewusstseinserzeugende Materiekonfigurationen? Denn dort geschieht die Weiterexistenz. „Man“ (im Sinne vom Selbsterleben) ist überall dort, wo Materie bzw. Ladungsträger bewusstseinsfähige Φ-Konfigurationen (Tononi) schaffen.
Nun, so könnte man einwenden, erlebe ich mich selbst doch nicht in allen bewusstseinsfähigen Materiekomplexen! Das ist richtig, denn innerhalb einer solchen Konfiguration erlebt sich dieses von Ladungsträgern erzeugte Feld eben abgegrenzt, und bei Vorhandensein eines intakten biografischen Gedächtnisses sogar als kontinuierlich existierende eigenständige Person.
Materialismus als Panpsychismus
Man könnte sich somit sämtliche Materie, insbesondere die elektrischen Ladungsträger mitsamt ihren elektromagnetischen Eigenschaften als „Weltseele“ vorstellen. Ich wähle deswegen den Begriff „Weltseele“, um darzulegen, dass Erlebnisfähigkeit eine Eigenschaft der Materie ist, und dass es ebenkeine individuellen Seelen jenseits der Materie gibt. Diese (unpersönliche) Weltseele personifiziert sich quasi bei entsprechender Konfiguration (ihrer Ladungsträger), d.h. Erleben und – bei entsprechend höherer Komplexierung – auch Subjektivbewusstsein werden an diesen Stellen manifest. Protobewusstsein (= potentielles Erleben/Bewusstsein) „schlummert“ sozusagen in der nicht-konfigurierten Materie und „erwacht“ in Arealen mit entsprechender Konfiguration. Die „Weltseelen-Matrix“ besitzt also erlebniserzeugende, ja sogar „personifizierende“ Areale, die entstehen und vergehen. Von dieser Perspektive der „Weltseele“ aus käme man schwerlich auf den Gedanken, dass eine Person als etwas für „immer-in- sich-Seiendes“ ist, obwohl sie sich so fühlt.
Wenn nun ein Mensch X stirbt, bedeutet das: Die in der Struktur eines hochkomplexen neuralen Systems mit entsprechender hochkomplexen Prozessen vorliegende Materie von X geht in den relativ ungeordneten Zustand von Materie, sozusagen in den großen „Pool“ nicht hochkomplex konfigurierter Materie über, der nach Tononis neurophysiologischen Modell von Bewusstsein nun Bewusstlosigkeit bedeutet (Φ annähernd 0). Anstelle dieses ehemals bestehenden hochkomplex konfigurierten Bewusstseinsareals innerhalb der Materiegesamtmatrix tritt nun relativ bewusstlose niedrig-komplex konfigurierte Materie auf.
Kann man nun sagen, Person X erlebt nun nichts mehr? Auch hier die Antwort: Subjektiverleben ist keine Eigenschaft, die von einer „Person“ ausgeht, sondern eine Eigenschaft der Materie. Erleben und Bewusstsein sind also dort, und nur dort, wo Materie entsprechend konfiguriert ist. Erleben findet also weiter statt: in bereits vorhandenen und in neu entstehenden Konfigurationen. Dieses Erleben findet aber immer aufgrund der integrierten (und somit ausgrenzenden) Informationsprozesse „insular“ statt, so dass innerhalb dieser bewusstseinserzeugenden Konfiguration das Erleben entsteht, es sei dort etwas Eigenes und Abgegrenztes.
Bewusstsein ist demnach keine Privateigenschaft, sondern wird lediglich als privat erlebt. Wenn also ein Individuum stirbt, erlebt es keine Bewusstlosigkeit (die ist genauso wie der Tiefschlaf eben nicht erlebbar), sondern das eigentliche „Ich-Erleben“, welches in der materiellen/elektromagnetischen Gesamtmatrix elementar vorhanden ist, manifestiert sich – sich als eigenständig erlebend – in allen vorhandenen und neu entstehenden Bewusstseinskomplexen.
Von der Privatperspektive aus gesehen erlebt man sich vor dem Tod als Individuum, danach ist „man“ (wie schon vorher auch) vom Existentiellen her betrachtet immer ein abgegrenzter Teil der Gesamtmateriematrix des Daseins, die aufgrund entsprechender komplexer (differenziert-integrierter) Ladungsträgerkonfigurationen „insulare“ Bewusstseinsfelder hervorbringt, innerhalb derer die Empfindung von „selbst“ entsteht. Ein neues Erleben nach dem Tod findet in einem dieser insularen Komplexe der Gesamtmaterie im Dasein statt. Man ist – vom Erleben her gesehen – immer eines von vielen.
Nach dem (bewussten) Leben ist vor dem (bewussten) Leben- und das bedeutet „Wiedergeburt“ ohne Seelenglauben.
Es ist klar, dass nach diesem Modell keine Erinnerungen oder Charaktermerkmale „mitgenommen“ werden, denn diese stecken ja in der neuralen Formation des jeweiligen Gehirns, das dann zerfällt.
Aber es geht eben nach dem Tod weiter: Denn das Subjektivitätserleben von jedem selber ist quasi lediglich nur eine besondere dynamische Konfiguration von Materieelementen (elektrische Ladungsträgen).
Wenn ein insulares Bewusstseinsareal zugrunde geht, dann wird lediglich an diesem Ort kein manifestes Bewusstsein mehr erzeugt. Da das „Ich Erleben“, die 1.-Person-Perspektive, aber eine physikalische Eigenschaft der Materie ist, ist man (als Subjekt) aber weiterhin dabei (aber natürlich nicht mit der alten Biografie). Subjektiverleben ist physikalisch gesehen überall dort, wo ein entsprechend hoher Phi-Wert ist, aufgrund der insular erfolgenden Konfiguration vollzieht sich personenhaftes Erleben (bzw. dessen Vorformen) jedoch als „für sich“ individuell abgegrenzt.
Das eigentliche „Ich“ steckt also überall in der Materie, daraus entstehen durch die hochkomplexen Konfigurationen sich als voneinander abgetrennt erlebende Bewusstseinsinseln.
Man muss wirklich davon abkommen, ein eigenes, originäres Selbst anzunehmen, denn jeder von uns ist lediglich nur eine dynamische Höherstrukturierung in der Informationstextur der Materie.
Nach dem Tod ist man auch nicht anders tot als vor dem Leben:
Wenn man gestorben ist, dann – so sagt man – ist man tot. Bei genauerer Betrachtung ist man aber auch nicht anders tot, als zu dem Zeitpunkt bevor man gezeugt und geboren wurde:
Wenn der Zustand vor der eigenen Ontogenese (der individuellen Entwicklung des eigenen Organismus) materiell betrachtet gleichbedeutend ist mit dem Zustand nach dem Sterben, dann kann man doch annehmen, dass nach dem Tod eine subjektive Bewusstwerdung (beziehungsweise eine Unterform) dann genauso wiederentsteht, wie es bei jedem von uns nach jenem Zustand ebenso so geschehen ist, der vor Zeugung und Geburt vorlag.
Die Voraussetzung für ein solches Verständnis dabei ist, dass man Subjektiverleben als generelle Folgeerscheinung materieller Komplexbildung ansieht.
Ein paar Gedankenexperimente:
- Frage: Was würde passieren, wenn nach einer Katastrophe im Universum nur noch ein Bruchteil der ehemals vorhanenden Individuen weiterleben würde? Wie würde dann Fortexistenz ohne Seelenwanderung aussehen?
Antwort: Das Verhältnis der gestorbenen und neugeborenen bzw. weiter bestehenden Individuen ist unerheblich, da es sich bei diesem Modell nicht um Seelenwanderung handelt, auch wird das erlebte „Selbst“ nicht weitergegeben. Da Subjektivbewusstsein eine Eigenschaft ist, die sich durch Konfiguration aus der Materie entlehnt, geht es als Qualitätsphänomen nicht verloren, wird nicht vernichtet. Verloren geht die jeweilige personale Identität, die Produkt gespeicherter Informationen (Gedächtnis) ist, aber nicht Subjektivbewusstsein als Qualitätsphänomen, es sei denn, es gäbe keine informationsverarbeitungsfähige Materie mehr im Universum (in den Universen).
- Frage: Wenn jetzt Milliarden sterben, und es existieren nur noch drei Gehirne im gesamten Weltendasein?
Antwort: Dann findet eine Fortexistenz des subjektiven Bewusstseins – jeweilig separiert empfunden – in diesen drei Gehirnen statt. Das heißt, die jeweiligen individuellen „Bewusstseinskontinua“ der Milliarden gehen nicht „ins Leere“ oder in einen empfundenen „Nichts-Zustand“, sondern da Bewusstsein ein allgemeines, wenn auch zunächst potentielles Phänomen der Materie ist, existiert es dann dort fort, wo sich die erwähnten hochkomplexen Strukturen und Prozesse herausbilden oder bereits existieren.
Vielleicht kann man es auch so formulieren: Materie „personifiziert sich“ an lokalen Stellen, ohne dass etwas Originäres, ein Selbst hinzutritt. Der „Sternenstaub“ selbst (dessen Elementarbestandteile auch nicht „atomar“ im Sinne des kleinsten Teilchens zu verstehen sind) ist, stellt die Ursachen für unser Bewusstsein da.
Zur Veranschaulichung ein paar Skizzierungen:








Wenn also eine Population von 1000 Gehirnen existiert, und es überlebt nur ein einziges: Was ist mit dem Bewusstsein (oder den „Bewusstseinen“) der 999 andern? Wenn man einer von den 999 gewesen ist, erlebt dieser auf keinen Fall den undifferenzierten Materie-Pool (das wäre ein Widerspruch in sich!), denn dort herrscht kein reflektierendes Erleben. „Man“ ist nur dort bewusst, wo Bewusstsein aus Materie erzeugt wird.
So lebt „man“ als die eine übrig gebliebene Person weiter, die sich jedoch aufgrund ihres neurobiologischen Gedächtnisses innerhalb des thalamokortikalen Systems allein nur an ihre dort gespeicherte Biografie zurückerinnert.
Nach dem Leben ist vor dem Leben:
Wenn man gestorben ist, dann – so sagt man – ist man tot. Bei genauerer Betrachtung ist man aber auch nicht anders tot, als zu dem Zeitpunkt bevor man gezeugt und geboren wurde.
Das bedeutet, dass die eigene Erfahrung (und die von unzählig vielen Individuen) dagegenspricht, dass man sozusagen im toten Zustand verharrt. Keiner hat jemals einen bewusstlosen Zustand erlebt. Wenn der Zustand vor der eigenen Ontogenese (der individuellen Entwicklung des eigenen Organismus) gleichbedeutend ist mit dem Zustand nach dem Sterben, dann kann man doch annehmen, dass nach dem Tod eine subjektive Bewusstwerdung dann genauso wieder entsteht, wie es der allgemeinen Erfahrung nach bei jedem von uns nach dem Zustand, der vor Zeugung und Geburt vorlag, auch so geschehen ist.
Voraussetzung ist dabei, dass man Subjektiverleben als generelle Folgeerscheinung materieller Komplexbildung ansieht.
Fortexistenz ohne Seele bedeutet nicht, dass die eigene Person wiedergeboren wird. Somit gibt es auch keine individuellen Bezugslinien zu früheren oder zukünftigen Leben.
Fortexistenz ohne Seele bedeutet, dass das Erleben, die 1.-Person-Perspektive (bzw. deren evolutive Vorformen), die Subjektivebene (als Eigenschaft der Materie, als Eigenschaft elektrischer Ladungsträger) weiterexistiert.
Es bedeutet auch nicht, wie man oft so schön sagt: „Der Tote lebt in den Erinnerungen der anderen weiter!“
Es bedeutet, das Subjektiverleben lebt in den anderen und in den Neuentstehenden weiter.
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